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Behauptung

Man muss beide Seiten betrachten und neutral bleiben

Antwort

Das Zwei-Seiten-Framing setzt eine Symmetrie voraus, die nicht existiert. Die Realität ist die eines Kolonisators und des von ihm kolonisierten Volkes, eines atomar bewaffneten Staats, gestützt von den mächtigsten Militärs der Welt, gegen eine Bevölkerung, die er unter Besatzung und Belagerung hält. Die eine Seite kontrolliert Land, Wasser, Grenzen, Luftraum, Strom und die Bewegungsfreiheit jedes Menschen unter ihrer Herrschaft. Die andere lebt unter dieser Kontrolle. Dies als zwei gleichgewichtige Seiten darzustellen beschreibt die Realität nicht. Es verschleiert sie und verleiht einer auf Herrschaft gebauten Struktur den Anschein von Ausgewogenheit.


Von Menschen Neutralität und Ausgewogenheit bei systemischem Unrecht zu verlangen, heißt, die Seite des Unrechts zu wählen. Wenn eine Besatzungsmacht ein Volk enteignet und dieses sich widersetzt, bedeutet die Behandlung beider als gleichermaßen verantwortlich, die Seite zu entlasten, die die Situation geschaffen hat, und die zu bestrafen, die ihr unterworfen ist. Die Weigerung, Unterdrückung zu benennen, steht nicht über dem Kampf; sie stellt sich auf die Seite des Unterdrückers. Von den Palästinsern zu verlangen, die Hälfte der Schuld für ihre eigene Kolonisierung zu übernehmen, verwandelt Herrschaft in einen Streitfall.


Dieser Maßstab wird nie auf einen anderen kolonialen Kontext angewendet. Niemand verlangt von uns, beide Seiten der belgischen Besatzung des Kongo abzuwägen, der französischen Kolonisierung Algeriens oder der Landnahme in Amerika. In jedem Fall wird der Kolonisator benannt, das Verbrechen benannt und eine Forderung nach Ausgewogenheit würde sofort als Apologie für Gräueltaten erkannt. Allein Palästina wird zur Ausnahme gemacht. Dieselben Verbrechen, die überall sonst ohne Zögern erkannt und verurteilt werden, werden umgedeutet in einen zweiseitigen Streit, sobald der Kolonisator Israel ist. Diejenigen, die sie verurteilen, werden als voreingenommen oder schlimmer: als antisemitisch beschuldigt.


Die Forderung, beide Seiten zu sehen, wird ausschließlich an Palästinenser gestellt. Sie müssen verurteilen, relativieren, jede Aussage über ihre eigene Enteignung einleiten, unter Anerkennung der Ängste und Gefühle ihres Kolonisators.

Quellen

  1. Communicating Palestine, Reframing: 'Both-Sides-Ism.'

Themen: Antisemitismus, Frieden & Staatlichkeit, Victim-Blaming