Liebe Leute,
Ein weiteres Jahr der politischen Aktivität in Münster neigt sich dem Ende zu. Ein weiteres Jahr, in dem wir gegen die Unterstützung des deutschen Staates beim Genozid in Gaza und gegen die Aufrechterhaltung des siedlerkolonialem Apartheid-Regimes im besetzen Palästina auf die Straße gegangen sind.
Es ist Zeit für uns, eine Bilanz der politischen Arbeit des letzten Jahres zu ziehen. Was hat sich in diesem Jahr in unserer Bewegung in Münster getan? Welche Erfolge konnten wir verbuchen, welche Niederlagen müssen wir uns eingestehen?
Wir wollen dies anhand von ein paar unserer Veranstaltungen des letzten Jahres tun:
Die Widerständige Akademie
Auch in diesem Jahr war die Widerständige Akademie zentraler Eckfeiler unserer politischen Bildungsarbeit. Die Widerständige Akademie ist ein öffentliches Diskussions- und Bildungsformat, in dem wir in regelmäßigen Abständen unsere politische Praxis durch das Besprechen und Diskutieren von revolutionären und widerständigen Texten und Vorträgen ergänzen. Auch in diesem Jahr haben wir uns mit einer Vielzahl an Thematiken beschäftigt, wie z.B. der palästinensischen Autonomiebehörde und ihrer Komplizenschaft mit dem zionistischen Regime, der ersten Intifada, der Apartheid in Südafrika und vielen anderen Themen. Wir wollen das Format der Widerständigen Akademie auch im nächsten Jahr weiterführen, um unsere politische Praxis zu schärfen und um uns mit unseren Genoss*innen zu bilden.
Ausstellung über Palästinensische Gefangene
Am 20.03.2025 haben wir, im Rahmen des Tages der politischen Gefangenen, eine Ausstellung zu politischen Gefangenen in Palästina gemacht. Die Ausstellung befasste sich mit vielen Teilaspekten der israelischen Gefangenschaft. Dazu gehörten die vielen Formen des Widerstandes der Gefangenen gegen die Bedingungen ihrer Gefangenschaft und die Gefangenschaft an sich, z.B. in Form von Gedichten und Gemälden, die Bedingungen des israelischen Gefängnissystems, Kinder in Gefängnissen, internationale Solidarität und die Repression gegen die Gefangenen nach dem 07. Oktober.
Die Ausstellung im nebenan war ein voller Erfolg. Es kamen viele Besucher*innen, die so viel über die Rolle von Gefangenschaft im palästinensischen Befreiungskampf lernen konnten. Auch wir konnten in der Vorbereitung der Ausstellung sehr viel lernen.
Den Teilaspekt der Kunst haben wir im Besonderen durch das an die Ausstellung anschließende Zeigen der Kurzfilme des Anfang Januar 2025 inhaftierten palästinensischen Dokumentarfilmregisseurs Abdallah Motan hervorgehoben. Per Video zugeschaltet war ein Freund Abdullahs, Motasem Ilawei, der diese internationale Solidaritätskampagne zur Unterstützung Motans organisiert hatte. Im August 2025 wurde dann auch Motasem in zionistische Gefangenschaft verschleppt. Abdullah Motan und Motasem Ilawei befinden sich beide bis heute in israelischer Gefangenschaft. Wir sind mit unseren Gedanken bei ihnen und ihren Familien, sowie bei den über 10 000 weiteren palästinensischen Gefangenen.
Nakba-Aktionstag
Am 17.05.2025 veranstalteten wir auch dieses Jahr in Erinnerung an die Nakba sowohl eine Demonstration durch die Innenstadt Münsters als auch eine Ausstellung am Endpunkt der Demonstration, mit dem Ziel Einblicke in die historischen Ereignisse zu geben, die zu der Katastrophe von 48 führten sowie um die anhaltenden katastrophalen Auswirkungen für das palästinensische Volk zu beleuchten. Es war uns möglich, die Innenstadt Münster (trotz sehr großem Polizeiaufgebot) für einige Stunden in einen Ort der Erinnerung und des gemeinsamen Zusammenkommens zu verwandeln. Dies wäre nicht möglich gewesen ohne die tatkräftige Unterstützung unserer Community, die unsere Veranstaltung mit ihren persönlichen Erfahrungen zur Nakba, Unterstützung bei der Versorgung mit Verpflegung sowie durch ihr zahlreiches Erscheinen erst wirklich möglich gemacht haben. Also, hier schon einmal danke dafür!
Buchvorstellung mit Helga Baumgarten und Norman Paech
Am 10.06.2025 durften wir die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Baumgarten sowie ihren Mitautor, den Politikwissenschaftler Norman Paech, zur Vorstellung ihres Buches „Völkermord in Gaza. Eine politische und rechtliche Analyse“ in Münster, in Kooperation mit der Fachschaft Arabistik & Islamwissenschaft, empfangen. Bezeichnend für den Besuch Baumgartens und Paechs war die Tatsache, dass er nicht in Räumen der Universität stattfinden konnte, obwohl Baumgarten zuvor trotz Protesten von Seiten des zionistischen „Verband Jüdischer Studierender Hessen“ (VJSH) in Räumen der Universität Marburg sprechen konnte. Nichtsdestotrotz war unsere Veranstaltung im Cinema Kurbelkiste gut besucht und es ergaben sich spannende Diskussionen, die ihr auf unserem Youtube Kanal nachverfolgen könnt, falls ihr die Diskussionen live nicht mitverfolgen konntet.
Juristischer Erfolg vor dem Landgericht Münster
Wir konnten im Jahr 2025 außerdem einen weitreichenden juristischen Erfolg in Bezug auf unsere Versammlungs- und Redefreiheit erreichen. Durch den Freispruch unseres Genossen vor dem Landgericht am 18.11.2025 im Bezug auf die von ihm verletzen, jedoch rechtswidrigen, polizeilichen Auflagen stellte das Landgericht Münster klar, dass eine „Leugnung“ des „Existenzrechts Israels“ sowie die Parole „From the River to the Sea“ als solches nicht strafbar sind Diese Feststellung ist ein bedeutender Sieg für unsere Redefreiheit. Außerdem ist ein Verstoß gegen rechtswidrige Auflagen der Polizei ebenfalls nicht strafbar. Viele der Auflagen, mit denen die Polizei uns in der Vergangenheit schikaniert haben, stellten sich ebenfalls als rechtswidrig heraus und sind dementsprechend in der Zukunft nicht mehr gegen uns einsetzbar.
Kampagne Akademischer Boykott
Wir hatten in diesem Beitrag bereits erwähnt, dass unsere Veranstaltung mit Prof. Dr. Baumgarten und Norman Paech nicht in den Räumen der Universität Münster stattfinden konnte. In Anbetracht der Hetze des VJSH gegen die Veranstaltung mit Frau Baumgarten in Marburg sowie der Positionierung der Universität Münster im Allgemeinen in Bezug auf den Genozid in Gaza sollte die Raumabsage an Baumgarten und Paech jedoch niemand denkenden überraschen. Die Universität musste sich als treue Trägerin der deutschen Staatsräson beweisen und konnte deshalb einen wissenschaftlichen Meinungsaustausch, wie er sonst zu anderen Themen von der Universität selbst als höchstes Gut beschworen worden wäre, durch die abtrünnigen Intellektuellen Baumgarten und Paech nicht zulassen. Im Falle einer Raumzusage an Baumgarten und Paech hätte die Universität mit Kritik aus den eigenen Reihen rechnen müssen und eine solche Blöße kann sich eine so eng mit den akademischen Institutionen der Siedlerkolonie Israel verwachsene Universität nicht leisten. Die Universität Münster ist für uns kein neutraler Boden. Die Menschen jedoch, die sich in ihren Gebäuden aufhalten, die Studierenden sowie die Mitarbeiter der Universität, sind potenziell für die Sache eines freien Palästinas zu gewinnen. Zu diesem Zweck und um uns gegen die Komplizenschaft der Universität Münster zu organisieren, haben wir in diesem Jahr den Arbeitskreis „End Academic Complicity“ gegründet. Der Arbeitskreis geht schon seine ersten Schritte und akademischer Boykott soll in Zukunft ein zentraler Pfeiler unserer politischen Arbeit sein. Unsere Recherche zu der Komplizenschaft der Universität Münster wurde auf unserer Website veröffentlicht und bei einem ersten Infostand verbreitet. Darüber hinaus haben wir bei den Infoständen auch für das Unterschreiben unserer Petition “Universität Münster: Akademische Komplizenschaft beenden!” geworben. Die zentrale Forderung der Petition ist die Beendigung der Zusammenarbeit mit den kolonialen israelischen Universitäten. Der Petition ist ein Brief an das Rektorat vorausgegangen. Dieser blieb bis jetzt unbeantwortet.
Wir stehen also noch ganz am Anfang und es muss noch viel Arbeit getan werden, um Studierende und Mitarbeitende davon zu überzeugen, sich der Boykott Bewegung anzuschließen. Werdet aktiv und schließt euch an!
Die aktuelle Lage im Gaza
Wir müssen uns aber auch, um ein wenig Perspektive für unser politisches Handeln zu gewinnen, die aktuelle Lage in Gaza vor die Augen führen:
Die Situation der Bevölkerung in Gaza ist trotz des seit mehr als zwei Monaten andauernden angeblichen Waffenstillstandsabkommen weiterhin katastrophal. Ca. 80% der Gebäude im Gazastreifen sind zerstört. 1,7 Millionen Menschen sind in den von israelischen Truppen besetzen Gebieten des Gazastreifens vertrieben worden und leben nun in überfüllten Notunterkünften. die Versorgung mit lebenswichtigen Hilfsgütern ist trotz des Abkommens weiterhin unzureichend, ganz zu schweigen von den seit Abschluss des Abkommens ca. 400 Menschen, die bei Angriffen der israelischen Armee ermordet wurden.
Verglichen mit dieser niederschmetternden Realität mag es zynisch vorkommen, wenn wir euch von unseren kleinen Erfolgen und Veranstaltungen in Münster berichten. Eine Demonstration hier, ein kritischer Vortrag dort. Was soll das schon nützen? Und das ist eben der Punkt: Wir werden lokal in Münster allein nichts erreichen können. Es sollte aber auch folgendes anerkannt werden: Wir sind nicht allein. Lokal werden wir tatkräftig von unserer Community und Genoss*innen unterstützt, Menschen, die mit uns gemeinsam kämpfen, sich mit uns streiten, mit uns leiden und eben auch unsere bescheidenen, doch wichtigen Erfolge feiern.
Betrachtet man die Gesamtsituation in Deutschland, so zeigt sich, dass in den meisten Städten Deutschlands die Sache Palästinas so konsequent vertreten wird wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Großdemonstrationen in Berlin, in Frankfurt, in Ulm vor der Niederlassung des Waffensystemherstellers Elbit Systems. Ebenfalls sehen wir eine Verschmelzung unserer Bewegung mit anderen Bewegungen gegen die Interessen der deutschen Bourgeoise und ihrem institutionellen Vertreter, dem deutschen Staat, wie zum Beispiel der Antimilitarisierungsbewegung sowie Bewegungen gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Auch hier zeigt sich: Unsere Bewegung in Münster ist nicht allein. Sie ist ein Teil einer gesamtnationalen Bewegung, die alle möglichen Mittel des Widerstandes gegen die Komplizenschaft des deutschen Staates in Bewegung setzt und setzten muss. Nur so können wir einen Unterschied im Kampf, um die Befreiung Palästinas machen.
Der Genozid in Gaza hat eine neue Form des Bewusstseins in der Bevölkerung in Deutschland und gerade in der Jugend für die Befreiung Palästinas geschaffen. Nutzen wir dieses Bewusstsein. Erweitern wir es durch widerständische Bildung. Bringen wir dieses Bewusstsein auf die Straßen, an unsere Arbeitsplätze, in unsere Freundeskreise, in unsere Familien. Sorgen wir dafür, dass 2026 für uns ein weiteres Jahr des Widerstandes wird.
Wir bedanken wir uns bei allen unseren Verbündeten und unserer Community. Wir hoffen, wir konnten darlegen, dass unsere politische Arbeit ohne euch nicht möglich wäre. Ebenfalls bedanken möchten wir uns bei all unseren Genoss*innen. Ihr seid der Grund, weshalb unsere gemeinsame Bewegung in Münster nicht unter dem Druck der eskalierenden Polizeirepression, der anfänglichen Isolation unserer Bewegung und dem Mangel an Ressourcen komplett vernichtet worden ist. Danke!
In diesem Sinne: Freiheit für Palästina!
Palästina Antikolonial
